Rossinis Duetto per Violoncello e Contrabbasso

Martina Grempler

 

Rossini und Domenico Dragonetti

Das Duetto per Violoncello e Contrabbasso entstand im Sommer 1824 während des siebenmonatigen Aufenthalts Rossinis in London. Zu den bedeutendsten Figuren des dortigen Musiklebens gehörte in dieser Zeit Domenico Dragonetti (1763-1846) genannt «Il drago» oder auch «Paganini des Kontrabasses», der erste international führende Virtuose auf diesem Instrument, Solobassist des Orchesters des King’s Theatre und selbst Komponist unter anderem mehrerer Konzerte für Kontrabass und Orchester, eines Duo B-Dur für Violoncello und Kontrabass, aber auch von Werken aus dem Bereich der Vokalmusik  [1] .

Dragonetti stammte aus Venedig, erhielt dort seine Ausbildung und wurde im Alter von 24 Jahren an die Cappella di San Marco verpflichtet. 1794, nun auch im Ausland ein renommierter Künstler, ging er erstmals nach London, das zu seiner zweiten Heimat wurde. Konzertreisen führten ihn unter anderem für längere Zeit nach Wien, wo er die Bekanntschaft Ludwig van Beethovens machte. Noch im hohen Alter von 82 Jahren wirkte er als Stimmführer der Kontrabässe beim ersten Beethovenfest in Bonn mit.

In der älteren Literatur erscheint Dragonetti als Exzentriker, der nicht nur durch seine große Puppensammlung auffiel (ein Hobby, das er mit Joseph Haydn teilte), sondern auch durch seine sehr individuelle Sprache, ein Gemisch aus Venezianisch, Französisch, Englisch und Deutsch, und der aus diesem Grund ähnlich wie der Impresario Domenico Barbaja kaum einen Brief eigenhändig schrieb. Auf der anderen Seite war Dragonetti ohne Zweifel ein geschickter Geschäftsmann, der sich in London eine gesicherte Existenz schaffen konnte, was für einen Instrumentalisten in der damaligen Zeit nicht selbstverständlich war. Bei seinem Tod hinterließ er ein beachtliches Vermögen, darunter seine Sammlung, zu der neben den erwähnten Puppen zahlreiche Kunstwerke und wertvolle Musikinstrumente zählten.

Während seines Aufenthalts in London arbeitete Rossini häufig mit Dragonetti zusammen, der sich 1823 bereits in Paris die Partituren von La gazza ladra, Il barbiere di Siviglia und Otello hatte beschaffen lassen  [2] , nicht nur bei den Opernaufführungen im King’s Theatre, sondern auch bei mehreren Konzerten. Darunter war ein Benefizkonzert am 30. Juni 1824, dessen ersten Teil, bei dem ausschließlich Werke Rossinis auf dem Programm standen, der Komponist selbst leitete  [3] .

Wie Rossini seinem Freund Ferdinand Hiller berichtete, wirkte bei seinen zahleichen Auftritten in den Häusern der Londoner High Society, die er vornehmlich als Begleiter der Sänger und insbesondere seiner Gattin Isabella Colbran absolvierte, Dragonetti ebenfalls in mindestens einem Falle mit:

      Es mag ein Vorurtheil gewesen sein, aber ich hatte eine Art von Widerwillen dagegen, mich für mein Begleiten am Clavier bezahlen zu lassen, auch habe ich es nur in London gethan. Indeß, man wollte nun einmal meine Nase sehen und auch meine Frau hören. Ich hatte für unsere Mitwirkung bei musikalischen Soiréen den ziemlich hohen Preis von 50 Pfund festgesetzt – wir machten etwa sechszig solcher Soiréen mit – das war dann freilich schon der Mühe werth. In London thun überdies die Musiker Alles, um Geld zu machen, und ich habe dort köstliche Dinge erlebt. [...] So z. B. [...] sagte man mir das erste Mal, als ich die Begleitung bei einer solchen Soirée übernahm, Puzzi, der berühmte Hornist, und Dragonetti, der berühmtere Contrabassist, würden auch zugegen sein. Ich dachte, sie würden Solo spielen, aber nichts weniger! sie sollten mir begleiten helfen. „Habt Ihr denn Begleitungsstimmen zu allen diesen Stücken?“ fragte ich sie. – „Bewahre!“ war die Antwort, „aber wir werden gut honorirt, und begleiten, wie es uns eben gut dünkt“. Diese improvisirten Instrumentations-Versuche waren mir aber denn doch zu gefährlich – ich bat daher Dragonetti, sich damit zu begnügen, einige Pizzicato´s anzuschlagen, wenn ich mit den Augen zwinkern würde, und Puzzi, die Schluß-Cadenzen mit einigen Tönen zu verstärken, die er als guter Musiker leicht auffand. So lief es denn ohne weitere schlimme Zufälle ab, und alle Welt war zufrieden  [4] .

Dragonetti scheint zumindest bei der Zusammenarbeit mit Rossini nicht immer der Zuverlässigste gewesen zu sein. In einem Beschwerdebrief an die Direktion des King’s Theatre vom 22. März 1824 beklagt der Komponist das Fehlen eines großen Teils des Orchesters bei einer Probe, wobei er Dragonetti explizit nennt, und in einem späteren Brief an den florentinischen Kapellmeister Michele Bolaffi heißt es «Dragonetti non rispose mai»  [5] .

An der Wertschätzung, die Rossini dem Virtuosen Dragonetti entgegenbrachte, kann hingegen nicht gezweifelt werden, ebenso wenig, dass er diesen als führende Autorität auf dem Gebiet der Spieltechnik des Kontrabasses betrachtete.

Im frühen 19. Jahrhundert war im deutschsprachigen Raum bereits der vier- manchmal auch fünfsaitige Kontrabass in der Quartstimmung E, A, D, G üblich, während in vielen anderen Ländern Europas noch ein dreisaitiges Instrument Verwendung fand, das in Frankreich üblicherweise eine Stimmung in Quinten (G, D, A) aufwies  [6] . Dragonetti spielte bei seinen Auftritten bevorzugt einen dreisaitigen, in Quarten (A, D, G) gestimmten Kontrabass und nutzte einen gekrümmten Bogen in Untergriffbogenhaltung, die sich deutlich von der später etwa durch Giovanni Bottesini gebrauchten Handhaltung unterschied  [7] .

Zwei Jahre nach dem Aufenthalt in London wurde Rossini in Paris Mitglied des Aufsichtsrats des von Luigi Cherubini geleiteten Konservatoriums, für das man die Einrichtung einer Kontrabass-Klasse plante. Bei den Besprechungen zu diesem Thema machte er auf den von Dragonetti verwendeten Bogen sowie auf die unterschiedliche Stimmung von dessen Instrument aufmerksam, Eigenschaften, deren musikalische Effekte ihn offenbar so überzeugt hatten, dass er über ihre Übernahme für die künftig am Pariser Konservatorium zu nutzenden Kontrabässe nachdachte.

Zu diesem Zweck kontaktierte er Dragonetti in London, dem er im selben Brief anbot, nach Paris zu kommen und persönlich die neue Kontrabass-Klasse zu leiten  [8] :

[...] Essendo io membro del Consiglio amministrativo del Conservatorio ha [sic] parlato della diversità e risultato che avvi fra L’arco del vostro contrabasso e L’accordatura dello stesso con Contrabassi d’archi francesi, mi Sono quindi impegnato di pregare il mio buon amico Dragonetti a mandarmi un Arco e se fosse possibile un raporto sul vantaggio che esiste nel Contrabasso accordato in quarta piutosto che in quinta come i francesi.

Dragonetti nahm das Angebot für das Pariser Konservatorium nicht an, so wie er bereits mehrere andere prestigeträchtige Stellen ausgeschlagen hatte. Rossinis Wünschen nach Übersendung des Bogens sowie einer Stellungnahme zu dessen Vorteilen und zu denen der Quartstimmung kam er jedoch nach  [9] :

Veniamo ora al Contrabbasso! Voi mi cercate un favore, ed un favore generosamente mi offrite nel tempo stesso. Quello però, che mi dimandate, è tale, che potria essere bensì soggetto da lunghe ed erudite Memorie, ma non mai da breve lettera. Mi contenterò adunque di mandarvi l´arco, e di dirvi, che oltreché l’Accordatura per Quarta è di sua natura più corretta, posso di più mostrarvi per fatto, che l’Accordatura del Contrabbasso Francese non potrà mai eseguire quanto eseguisse il mio Strumento sì per accordi, che per facilità, eguaglianza e forza di suono. Ché in quanto all’arco basta solo paragonare la diversa lunghezza, ed il diverso modo d’impugnarlo e dirigerlo fra corde poste a maggiori distanze fra loro, per vedere, che ... mano, che non domina l’arco, non può essere che meschina schiava dell’arco ... Eppure la mano dell’arco è il solo mediatore vero del gusto e dell’espressione.

Wie beabsichtigt wurde die Kontrabass-Klasse am Konservatorium eingerichtet, trotz Rossinis Bemühungen blieb dort unter der Leitung von Marie-Pierre Chenié zunächst das Instrument in seiner herkömmlichen französischen Variante in Gebrauch. Erst dessen Nachfolger führten den in Quarten gestimmten viersaitigen Kontrabass ein. Dragonettis Bogen, der zu seinen Lebzeiten bereits eher eine Besonderheit war, wurde in Paris generell nicht übernommen  [10] . In seiner Wahlheimat England blieben Dragonettis Spielweise und auch der charakteristische Bogen weit bis ins 20. Jahrhundert hinein für viele Künstler vorbildhaft.

Die Geschichte des Autographs

Wie aus der Widmung auf der Titelseite des heute in der Paul Sacher Stiftung in Basel aufbewahrten Autographs («Rossini / Al Suo Amico Salomons / Londra li 20 luglio 1824») sowie vor allem aus dem Ex libris auf der Innenseite des Einbands hervorgeht, schrieb Rossini das Duetto per Violoncello e Contrabbasso gegen Ende seines Londonaufenthalts für einen gewissen Philip Joseph Salomons  [11] . Die Identität dieses Mannes hat zu einigen Unklarheiten in der Literatur geführt. Der langjährige Besitzer des Autographs, Rudolf Grumbacher (1923-2004)  [12] , vermutete als Auftraggeber Johann Peter Salomon (1745-1815) oder dessen Sohn  [13] . Dies erscheint auf den ersten Blick naheliegend, da der Impresario und Violinist Salomon, der vor allem dadurch bekannt wurde, dass er Joseph Haydn nach London holte, nachweislich gute Kontakte zu Domenico Dragonetti unterhielt. Gleiches gilt für Haydn selbst, mit dem Dragonetti im Rahmen der von Salomon veranstalteten Opera Concerts mehrfach musizierte und mit dem er später auch in Wien zusammentraf. Johann Peter Salomon verstarb jedoch bereits 1815 und kommt somit als Auftraggeber von Rossinis Duetto nicht in Betracht. Zwar trug sein Vater, ein Violinist der Hofkapelle in Bonn und damit Kollege des Vaters von Ludwig van Beethoven, den Namen Philipp [sic!], jedoch sind keinerlei Hinweise auf einen Sohn von Johann Peter Salomon zu finden, der 1824 in London gewesen sein und mit Rossini in Kontakt gekommen sein könnte  [14] . H. C. Robbins Landon  [15] erwähnt, dass der größte Teil von Salomons Erbe von dessen ehemaligem Diener Johanning verwaltet und vornehmlich zur Errichtung eines Denkmals in der Westminster Abbey verwandt wurde, was gegen die Existenz von Kindern oder sonstigen nahen Verwandten spricht.

Laut dem Vorwort der durch Rodney Slatford 1969 herausgegebenen ersten Edition des Duetto per Violoncello e Contrabbasso komponierte Rossini das Stück im Auftrag des Bankiers Sir David Salomons (1797-1873), einer der Mitbegründer der London and Westminster Bank, später der erste jüdische Bürgermeister Londons und nicht nur in dieser Funktion einer der bedeutenden Kämpfer für die Rechte der jüdischen Bevölkerung in Europa  [16] . Slatford berief sich dabei auf einen Bericht des Orchesterleiters und Komponisten Sir George Smart, der sich hingegen nicht eindeutig auf Sir David bezieht, da im Text nur der Nachname genannt ist  [17] :

On July 21st, 1824, I dined in the City at Mr. Salomons’ to meet Rossini, who made himself most agreeable. He had been paid by Salomons fifty pounds to compose a duet to be played by Salomons and Dragonetti, the great double-bass player. Rossini requested me to accompany a vocal piece, and I asked him whether I should do so in his style or in my own. “Oh, in mine!” was his reply. Upon this I thumped away upon the unfortunate piano as fortissimo as possibile, to his great amusement and that of the assembled company.

Im Register dieser von H. B. und C. L. E. Cox herausgegebenen Erinnerungen Smarts findet sich der Eintrag «Salomons, probably Sir David, later Lord Mayor»  [18] , also ebenfalls keine eindeutige Zuordnung des Namens. Somit hätte theoretisch auch einer der beiden Brüder von Sir David Salomons gemeint sein können, von denen der ältere den Namen Philip, der jüngere den Namen Joseph trug. Alle drei Brüder waren wie bereits ihr Vater und Großvater im Bankgeschäft tätig. Sir David, dessen erste Ehe mit Jeanette Cohen, der Nichte von Moses Montefiore, kinderlos blieb, ernannte später Philips Sohn David Lionel aus dessen Verbindung zu der ebenfalls der Familie Montefiore entstammenden und auch mit den Rothschilds verwandten Emma Abigail zu seinem Erben  [19] .

In der Monographie Fiona M. Palmers wird als Schüler Dragonettis mehrfach ein Mann mit Namen Philip Joseph Salomons erwähnt, dem sein Lehrer einen der Kontrabässe aus seiner wertvollen Sammlung vermachte, wie er auch andere ihm bekannte Mitglieder der damaligen Londoner Oberschicht sowie in der englischen Hauptstadt ansässige italienische Landsleute, darunter den Conte Carlo Pepoli, und zahlreiche Vertreter des dortigen Musiklebens wie den Verleger Vincent Novello (der in Bezug auf die Musikalien zu Dragonettis Nachlassverwalter wurde) bedachte  [20] .

Bei diesem Philip Joseph Salomons (1797–1866) und damit bei dem Widmungsträger von Rossinis Komposition handelte es sich jedoch nicht um einen der Brüder von Sir David, sondern um einen Cousin zweiten Grades: sein Großvater, ebenfalls mit Namen Philip, und Solomon Salomons, der Großvater Sir Davids, waren Brüder. Eine unmittelbare Verbindung zwischen diesen beiden Verwandten kam dadurch zustande, dass Sir David in hohem Alter in zweiter Ehe die Witwe von Philip Joseph Salomons, Cecilia geb. Samuel heiratete, womit sich erklärt, wie das Autograph des Duetto per Violoncello e Contrabbasso an Sir David Salomons gelangte  [21] .

Philip Joseph Salomons gehörte ebenfalls zu den besonders wohlhabenden und angesehenen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Londons, für die er vor allem in seinen späteren Lebensjahren in verschiedenen Funktionen tätig war  [22] :

He was among the founders of Jews’ College, the Anglo-Jewish theological seminary, and a Vice-President of the Bread, Meat, and Coal Charity, and of the Jews´ Hospital. He retained his membership of the New Synagogue in the City and was later elected one of its representatives at the Jewish Board of Deputies.

In seiner Jugend scheint er ein schillerndes Mitglied der Upper Class der Themse-Metropole gewesen zu sein  [23] :

In his younger years Philip Joseph Salomons was known as ‘the golden calf’. He was described as a ‘buck’ and a man of fashion. His passion was music and he was one of the best amateur performers on the double-bass in his day.

Rossinis Manuskript blieb bis zum Jahr 1968 im Besitz der Familie Salomons, dann wurde es bei einer Auktion des Hauses Sotheby’s für den Preis von £ 620 versteigert. Als Name des Käufers findet sich die Angabe Otto Haas (1874-1955). Dieser trat in Berlin 1903 als Partner in das bereits im 19. Jahrhundert begründete renommierte Antiquariat von Leo Liepmannssohn (1840-1915) ein, das er schließlich übernahm und unter eigenem Namen weiterführte  [24] . Nachdem Otto Haas als Jude im Jahr 1935 aus Deutschland emigrieren musste, wurde London zum Sitz seines Unternehmens. Zwanzig Jahre später, kurz vor seinem Tod, verkaufte Otto Haas das Geschäft an einen Freund, den ebenfalls international anerkannten Musikalienantiquar und Sammler Albi Rosenthal (1914-2004)  [25] . Rosenthal wiederum führte das Antiquariat weiterhin unter dem Namen Otto Haas und zeichnete damit für den Kauf des Rossini-Autographs bei Sotheby’s verantwortlich, das er offensichtlich bereits im Auftrag des späteren Besitzers, des Bankiers Rudolf Grumbacher aus Basel, erwarb. Grumbacher schreibt im von ihm eigenhändig angefertigten Katalog zu seiner insgesamt cirka 1100 Stücke umfassenden Musikaliensammlung ausdrücklich:

Ich erstand diesen prachtvollen Autographen an der Auktion vom 8/9 April 1968 [...] bei Sotheby & Co, London (A. Rosenthal) aus dem Vorbesitz von Mrs. A. H. Bruck, der Urenkelin von Philip J. Salomons. [wobei hier Philip Salomons, der ältere Bruder von Sir David, gemeint wäre]

Albi Rosenthal war zudem einer der führenden Köpfe bei der Einrichtung der Paul Sacher Stiftung in Basel und dieser bis zu seinem Tod als Mitglied des Stiftungsrats eng verbunden. Über die Sacher Stiftung war die Sammlung Grumbachers seit 1991 in Fotokopien einsehbar, da er die Auffassung vertrat, ein Sammler hätte die Pflicht, wichtige Dokumente der Forschung zugänglich zu machen und deren Veröffentlichung zu ermöglichen  [26] . Seit dem Jahr 2003 verwaltet die Sacher Stiftung nun die Originalsammlung des wie Rosenthal im Jahr 2004 verstorbenen Rudolf Grumbacher  [27] . In der Sammlung befinden sich neben dem Autograph des Duetto mehrere Briefe Rossinis  [28] sowie ein elftaktiges Albumblatt für Klavier, datiert mit «Bologna il 15 Lug. 1846» mit der Widmung «A Mon ami Nidermeyer», wohinter sich der Pianist und Komponist Abraham Louis Niedermeyer  [29] verbirgt, für dessen Opern sich Rossini mehrfach eingesetzt hatte und der den Komponisten 1846 in Bologna aufsuchte, um mit ihm die Vorbereitung des Pasticcios Robert Bruce zu besprechen, für das Niedermeyer verantwortlich zeichnete. Rossini seinerseits griff im Christe seiner Petite Messe Solennelle auf die Musik einer Messe Niedermeyers zurück.

        Die in der Sammlung Grumbacher befindlichen Noten umfassen die autographe Partitur des Duetto sowie die Stimmen für Violoncello und Kontrabass in der Handschrift Domenico Dragonettis. Über den Zustand des Autographs zum Zeitpunkt der Auktion informiert Grumbacher in seinem Katalog:

           War in schlechtem Zustand (hinten aufgesetzt). Ich liess ihn durch Buchbinder Schroth in Basel restaurieren (im Mai 1968): Krt [Karton] und Aussenpapier mussten ersetzt werden, Innenseite und Aufschriftetikette wurden voll erhalten. Zum Vorschein kam ein Exemplar des „Harmonicon“ vom August 1824 als Material im Alteinband (erhalten als Beweis der Epoche)

Rossini und der Kontrabass

Aus dem Schwierigkeitsgrad des Duetto per Violoncello e Contrabbasso lässt sich ablesen, dass Rossini es für zwei gute bis ausgezeichnete Spieler schrieb. Domenico Dragonetti beherrschte wie zur damaligen Zeit üblich mehrere Instrumente und ließ sich auch auf dem Violoncello gerne hören. Man sollte mit der Formulierung, Rossini habe den Kontrabasspart explizit für Dragonetti geschrieben, vorsichtig umgehen, da zu den ersten Aufführungen des Duetto, die vermutlich in privatem Rahmen im Hause Philip Joseph Salomons stattfanden, keine Zeugnisse überliefert sind. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Dragonetti ursprünglich die Cellostimme spielte und sein Schüler Salomons den Kontrabass. Auch könnte man sich für 1824 in London ein Duett mit Dragonetti am Kontrabass und Rossini am Violoncello vorstellen, der am Konservatorium von Bologna Kurse für Violoncello belegt hatte und wohl auch den Kontrabass zumindest annähernd beherrschte. Giuseppe Radiciotti überliefert eine Anekdote, wonach Rossini in Begleitung des Marchese Francesco Sampieri im Frühjahr 1817 auf dem Rückweg von Rom in Spoleto Station gemacht habe. Dort gab man L’Italiana in Algeri und die beiden Freunde erlaubten sich den Spaß, bei der Aufführung mitzuwirken  [30] :

Il Sampieri sedette al posto del mo. al cembalo e il Rossini, per farne una delle sue, afferrò il contrabbasso e lo sonò sino alla fine dello spettacolo.

Man geht wohl nicht zu weit, wenn man bei Rossini eine gewisse Vorliebe für das tiefste der Streichinstrumente konstatiert. Seine Jugendfreundschaft mit Agostino Triossi, der dieses Instrument spielte, hat dazu mit Sicherheit beigetragen  [31] . Während der Aufenthalte des Komponisten auf dem Landgut der Triossi „al Conventello“ entstanden mit den Sonate a quattro, die bekanntlich nicht die übliche Streichquartettbesetzung aufweisen, sondern für zwei Violinen, Violoncello und Kontrabass geschrieben sind, sowie der Sinfonia obbligata a contrabbasso gleich mehrere Werke, die auf das Instrumentenspiel Triossis zugeschnitten sind und dem Kontrabass an manchen Stellen eine hervorgehobene Rolle und spielerische Virtuosität einräumen.

Domenico Dragonetti spielte bei der Emanzipation des Kontrabasses, den er als Soloinstrument eigentlich erst salonfähig machte, eine entscheidende Rolle. Rossini leistete mit seinem Duetto dazu seinen bescheidenen Beitrag und nutzte den Kontakt zu dem führenden Virtuosen auf diesem Instrument ohne Zweifel zur stetigen Überprüfung und Weiterentwicklung seiner eigenen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Instrumentierung, so wie auch die ständige Zusammenarbeit mit den besten Sängern seiner Zeit in der Regel für beide Seiten befruchtend wirkte.

Dieser Aspekt sollte bei der Beurteilung der sogenannten «Gelegenheitswerke» nicht außer Acht gelassen werden, auch ist vor diesem Hintergrund die Bedeutung des Aufenthalts in London zu differenzieren, wenngleich Rossini selbst mit Äußerungen wie der oben zitierten über den Abend mit Puzzi und Dragonetti ein bis heute präsentes Bild des damaligen Londoner Musiklebens entwarf und den Eindruck erweckte, es ginge dort mehr um Geld als um die Qualität der Konzerte und der aufgeführten Musik.

     Das Duetto per Violoncello e Contrabbasso zählt seit der Edition durch Rodney Slatford, die einer Wiederentdeckung gleichkam, zum festen Bestandteil des Kammermusikrepertoires für die beiden tiefsten Streichinstrumente und liegt heute in mehreren CD-Einspielungen vor.



[1] Zur Biographie Dragonettis siehe: Fiona M. Palmer, Domenico Dragonetti in England (1794-1846). The Career of a Double Bass Virtuoso (Oxford, 1997); Nana Koch, «Dragonetti, Domenico», in: Musik in Geschichte und Gegenwart, zweite, neubearbeitete Auflage, hg. von Ludwig Finscher, Personenteil Bd. 5 (Kassel, 2001), Sp. 1385-1387 sowie Rodney Slatford, Domenico Dragonetti, in: Proceedings of the Royal Musical Association, Vol. 97 (1970-71), S. 21-28.

[2] Brief vom 28.1.1823 an «Burzio» in Paris, in: Gioachino Rossini. Lettere e documenti, a cura di Bruno Cagli e Sergio Ragni, 4 vll. (Pesaro, 1992, 1996, 2000, 2004), II: 109.

[3] Faksimile-Abbildung des Plakats in: Lettere e documenti, II: 658. Zu den Konzerten in London siehe auch S. 267 sowie 269f. Allgemein zu Rossinis Aufenthalt in London: Mauro Bucarelli, Rossini Fever, in: Rossini 1792-1992. Mostra storico-documentaria, a cura di Mauro Bucarelli (Perugia, 1992), S. 205-20.

[4] Ferdinand Hiller, Plaudereien mit Rossini, S. 24f, in: Aus dem Tonleben unserer Zeit 2 (Leipzig, 1868), S. 1-84; Neuausgabe in Schriftenreihe der Deutschen Rossini Gesellschaft 1 (Stuttgart, 1993). In italienischer Übersetzung erschienen in: Gli scritti rossiniani di Ferdinand Hiller, a cura di Guido Johannes Joerg, Bollettino del centro rossiniano di studi 32 (Pesaro, 1992), S. 87.

[5] Lettere e documenti, II: 251 sowie S. 486.

[6] Vgl. dazu Alfred Planyavsky, Geschichte des Kontrabasses (Tutzing, 1970) sowie Palmer, Dragonetti, S. 63ff.

[7] Vgl. dazu die Abbildungen zur Bogenführung Dragonettis und Bottesinis in: Planyavsky, Geschichte des Kontrabasses, S. 413. Zu Dragonettis Aufführungspraxis siehe insbesondere Palmer, Dragonetti, S. 63ff.

[8] Brief von Rossini an Domenico Dragonetti, Lettere e documenti, III: 72.

[9] Brief von Dragonetti an Rossini, in: Lettere e documenti, III: 72 n. 5. Dort zitiert nach: Palmer, Dragonetti, S. 69 und 79.

[10] Auch an der Dresdner Hofkapelle wurde, angeregt durch den Geiger Carlo Lipínski, der Dragonetti in London kennen gelernt hatte, über die Einführung des konvex gekrümmten Bogens diskutiert.

[11] Die in der Bibliothek des King’s College, London aufbewahrte Kontrabassstimme trägt ebenfalls das Ex libris «Philip Joseph Salomons».

[12] «Nachruf Rudolf Grumbacher», in: Mitteilungen der Paul Sacher Stiftung 18 (2005), S. 50-1.

[13] Diese Information auch in Tilman Seebaß (Hg.), Musikhandschriften in Basel, Katalog zur Ausstellung des Kunstmuseums (Basel, 1975), S. 60.

[14] In seinem Testament bedenkt Salomon nur entfernte, noch in Deutschland lebende Verwandte. Cfr. Alan Tyson, «Salomon´s Will», in: Beiträge zur Rheinischen Musikgeschichte 62 (Köln, 1965), S. 43-5. 

[15] H. C. Robbins Landon, «Johann Peter Salomon – „Er brachte Haydn nach England“», in: Joseph Haydn und Bonn, Katalog zur Ausstellung hg. von Ingrid Bodsch in Zusammenarbeit mit Otto Biba und Ingrid Fuchs (Bonn, 2001), S. 131-41.

[16] Albert M. Hyamson, David Salomons (London, 1939). Dort findet sich der Stammbaum der Familie Salomons, aus dem keinerlei Verbindung zu Johann Peter Salomon hervorgeht. Robert D. Abrahams, Sound of Bow Bells. The Story of Sir David Salomons (Jewish Publication Society of America, 1962) beschreibt das Leben Sir Davids in romanhafter Form.

[17] Zitiert aus: H. Bertram Cox/C. L. E. Cox, Leaves from the Journals of Sir George Smart (New York, Bombay, Calcutta, 1907), S. 61.  Eine Anmerkung zu dieser Episode lautet: «It was said that under the hands of Rossini the piano became as effective as an orchestra; and that the first time Auber heard him accompany himself in a song he walked up to the instrument and bent down over the keys to see if they were smoking.». Interessant ist, dass der von Smart genannte Preis für die Komposition, 50 Pfund Sterling, mit der Summe überein stimmt, die Rossini Hiller gegenüber als den üblichen Lohn für seine Teilnahme an den Londoner Soireen angab. Wobei angemerkt sei, dass Hillers «Plaudereien» auch in englischen Zeitschriften erschienen waren.

[18] Cox, Leaves from the Journals of Sir George Smart, Index.

[19] Der zweite Vorname Lionel verweist auf diese Verwandtschaft zu Lionel Rothschild.

[20] Das Testament Dragonettis ist veröffentlicht in Palmer, Dragonetti, S. 233-9. Daraus geht die damalige Adresse von Philip Joseph Salomons hervor: Nr. 18 Wimpole Street Cavendish Square.

[21] Cecilia Samuel, deren Ehe mit Philip Joseph Salomons im Jahr 1837 geschlossen wurde, war wiederum eine Cousine von Sir Davids erster Frau Jeanette Cohen.

[22] Hyamson, David Salomons, S. 10.

[23] Hyamson, David Salomons, S. 11.

[24] Zur Geschichte des Antiquariats siehe Ulrich Düner, «Liepmannssohn, Leo», in: Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Auflage, Personenteil Bd. 11, Sp 103-6 sowie den Zeitungsartikel: «Feines für Liebhaber. Nach 25-jähriger Pause erstmals wieder ein Katalog des Musikantiquariats Otto Haas», in: Die Zeit, Heft 31, (2003).

[25] «Nachruf Albi Rosenthal», in: Mitteilungen der Paul Sacher Stiftung 18 (2005), S. 51-2.

[26] Cfr. Rudolf Grumbacher, «Öffentliches Interesse und private Sammeltätigkeit», in: Festschrift Rudolf Elvers (Tutzing, 1985), S. 223-228: «Der Private sollte dem seriösen Forscher Einblick in seine Dokumente geben. Niemand hat m. E. das Recht, außer aus höheren Gründen, eine historisch wichtige Tatsache für sich zu behalten, nur weil er das Dokument besitzt. Niemand hat das Recht, eine musikalisch wertvolle Komposition für sich zu behalten oder falsch spielen zu lassen, nur weil er das Original besitzt.» (ibid.,  S. 226). Im Rahmen der Ausstellung Musikhandschriften in Basel aus verschiedenen Sammlungen, war auch das Manuskript des Duetto von Rossini zu sehen, dessen letzte Seite im dazugehörigen Katalog, hg. von Tilman Seebaß (Basel, 1975), S. 53 im Faksimile abgedruckt wurde.

[27] «Sammlung Rudolf Grumbacher, Basel», in: Mitteilungen der Paul Sacher Stiftung 17 (2004), S. 15-16.

[28] Zu diesen Briefen ist ein Beitrag von Reto Müller für La Gazzetta (Zeitschrift der Deutschen Rossini Gesellschaft) in Vorbereitung.

[29] Beat A. Föllmi, «Niedermeyer, (Abraham) Louis», in: Musik in Geschichte und Gegenwart, Zweite neubearbeitete Auflage, hg. von Ludwig Finscher, Personenteil Bd. 12, (Kassel, 2004), Sp. 1075-6.

[30] Giuseppe Radiciotti, Gioacchino Rossini: vita documentata, opera ed influenza su l’arte, (Tivoli, 1927-29), 3 vll., II: 283.

[31] Paolo Fabbri, «Prefazione», zu Sinfonie giovanili, in Edizione critica delle opere di Gioachino Rossini, Sezione sesta, vol. 1 (Pesaro, 1998).